Deshalb muss sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz ein Thema sein

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung identifiziert sich als homo- oder bisexuell. «Sexuelle Orientierung hat am Arbeitsplatz keine Relevanz», magst Du sagen. Was Deine Leute im Schlafzimmer tun, müssen sie am Arbeitsplatz nicht diskutieren. Das stimmt. Damit sind wir aber auch schon beim Thema: Denn die sexuelle Orientierung wird häufig auf Sex reduziert.

Von Dr. Ing. Sarah Barber

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung identifiziert sich als homo- oder bisexuell. «Sexuelle Orientierung hat am Arbeitsplatz keine Relevanz», magst Du sagen. Was Deine Leute im Schlafzimmer tun, müssen sie am Arbeitsplatz nicht diskutieren. Das stimmt. Damit sind wir aber auch schon beim Thema: Denn die sexuelle Orientierung wird häufig auf Sex reduziert.

Sexuelle Orientierung ist mehr als Sex

Homosexuell, bisexuell oder heterosexuell zu sein, bedeutet aber nicht nur, mit einer Person des gleichen oder des anderen Geschlechts zu schlafen. Sondern auch, zusammen zu kochen, zusammen etwas zu unternehmen, sich zu streiten, zusammen alt zu werden.

«Was hast du am Wochenende gemacht?», «Warum bist du nach Zürich gezogen?» – Jeder Mensch hat das Recht, solche einfachen Fragen beantworten zu können, ohne zuerst innezuhalten und abzuwägen: «Wird meine Antwort einen negativen Einfluss auf meine Karriere haben?» Trotzdem müssen Millionen von Menschen, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren, Tag für Tag immer wieder abschätzen, ob ihre Antwort vielleicht ihrer beruflichen Laufbahn schaden könnte.

Normalerweise finden sie hierfür keine Antwort – jedenfalls nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Was tun sie also? Sie erwidern Phrasen wie: «Wir waren im Kino» – ohne das «wir» zu spezifizieren; «Ich bin nach Berlin gefahren» – obwohl sie zu zweit dort waren; «… mit meinem Schatz» – anstatt «… mit meiner Partnerin». Menschen, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren, sind oft Experten darin, ihre Sprache zu verbiegen, um das Geschlecht ihres Partners zu verheimlichen. Sogar die Mutigsten verbergen die Existenz oder das Geschlecht ihres Partners in bestimmten Situationen – zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen.

Das Vermeidungsspiel

Wenn Du Dir noch nicht vorstellen kannst, wie anstrengend dieses Vermeidungsspiel sein kann, probiere es selber aus.  Ich lade Dich dazu ein, für einen Monat das Geschlecht Deines Partners (oder des besten Freundes, Deines Kindes oder Deines Hundes) vor Deinen Arbeitskollegen zu verheimlichen. Wahrscheinlich wird es Dir am Anfang leichtfallen. Mit der Zeit wird es aber schwieriger. Deine Mitmenschen stellen mehr und mehr Fragen, sie wollen Bilder sehen, wollen Dich besser kennenlernen. Du kannst es aber nicht zulassen! Du musst immer wieder Ausreden finden. Du ziehst Dich zurück. Du vermeidest Kontakt und gehst nicht mehr zum gemeinsamen Mittagessen. Plötzlich merkst Du, dass Du auf das Feierabendbier nicht mehr eingeladen wirst. Vertraute Beziehungen aufzubauen ist jedoch nicht nur für den Erfolg einer Organisation unerlässlich , sondern auch ein menschliches Grundbedürfnis.

Die erste Begegnung entscheidet

Das Entscheidende ist die erste Begegnung mit einer Person am Arbeitsplatz, mit der man noch nicht gesprochen hat. Wenn man es schafft, beim ersten Treffen seine Angst zu überwinden und entspannt zu antworten – etwa mit «Eigentlich, meine Frau …», ist die Situation meist schon in trockenen Tüchern. Es wird kein großes Ding daraus gemacht und meistens geht die Sache positiv aus.

Aber: Sobald ein kleiner Teil von einem denkt «Vielleicht könnte meine Antwort einen negativen Einfluss auf meine Karriere haben», dann fangen die Lügen an. Über die Zeit kann man so stark darunter leiden, dass dies auch zu Konsequenzen wie Erkrankungen (z.B. Burnout) oder Kündigungen führt.

Kannst Du Dir nun vorzustellen, dass eine solche Situation die Performance und Motivation Deiner Leute beeinflussen könnte?

Wie viele Menschen sind betroffen?

Auch heutzutage möchte nicht jeder in Umfragen die Wahrheit über seine sexuelle Orientierung preisgeben. Meistens wird von einem Anteil von etwa 10 Prozent ausgegangen (https://www.theguardian.com/society/2015/apr/05/10-per-cent-population-gay-alfred-kinsey-statistics).

Was bedeuten diese Zahlen für Deine Organisation oder Dein Unternehmen? Gehen wir von einer Schätzung von 10 Prozent aus – das wären in einer Firma mit 30.000 Mitarbeitenden wahrscheinlich etwa 3.000 Menschen, die sich als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren. Es ist natürlich schwer abzuschätzen, wie viele von diesen Leuten das «Vermeidungsspiel» spielen und unnötig leiden – aber wahrscheinlich sind es mehr, als Du denkst.

Was kannst Du tun?

Gib Deinen Leuten die hundertprozentige Sicherheit, die sie brauchen. Es ist von größter Bedeutung, das Bewusstsein für diese Themen in Unternehmen aktiv zu schärfen. Du musst ganz deutlich machen, dass Du offen bist, die Thematik anzugehen. Es reicht nicht, Hochglanzbroschüren drucken zu lassen und Unternehmensrichtlinien zu definieren – Du musst die Akzeptanz in jeder Organisationseinheit bewusst leben. Deine Führungskräfte müssen offen und kompetent mit ihren Teams über das Thema sprechen – und dabei aktiv ihre Unterstützung anbieten.

Wie geht das, wenn Führungskräften ein Wissensinput fehlt oder diese sich bei der Thematik nicht ganz wohl fühlen? Ich schlage den folgenden Prozess vor, in dem Du zuerst das Thema in der Unternehmensleitung behandelst (Schritte 1-3) und danach Deinen Führungskräften ermöglichst, dieses in ihren Teams anzugehen (Schritte 4-6).

6 Schritte zu einem professionellen Umgang mit sexueller Orientierung am Arbeitsplatz:

  1. Standortbestimmung der Führungskräfte
  2. Aufklärung der Führungskräfte (Begriffe und Definitionen, rechtliche und soziale Situationen, Q&A mit betroffenen Personen)
  3. Definition von Schwerpunktthemen
  4. Standortbestimmung der Teammitglieder
  5. Aufklärung der Teammitglieder
  6. Definition von Maßnahmen

Dieser Artikel ist eine gekürzte Fassung des Artikels «Deshalb muss sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz ein Thema sein» auf hrtoday.ch.

Sarah Barber ist selbstständige promovierte Ingenieurin sowie ISO-zertifizierter Coach in Zürich, Schweiz. Sie hat mehrjährige internationale Erfahrung als Führungskraft in der Forschung, in der Lehre und in der Industrie. Sie fokussiert ihre Coaching-Tätigkeiten auf Menschen mit technischem oder wissenschaftlichen Hintergrund und bietet diverse Team-Workshops für Unternehmen an, unter anderem zum Umgang mit LGBT-Themen. Du findest sie in unserem Coachingportal und unter https://www.mindspire.ch.

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