Hallo Sexnachricht – Tschüss Karriere

Wie das Versenden von Nachrichten mit sexuellen Inhalten die Karriere gefährden kann

Von Andreas Klein

Online- und Offlinewelten verschwimmen immer mehr. Der ständige Griff zum Smartphone definiert schon jetzt ganze Generationen. Überall fotografieren sich Menschen selbst. Im Fitnessstudio aus der Dusche kommend, im Schlafzimmer in ihren Betten räkelnd oder vor dem Badezimmerspiegel mit offener Hose posierend. Extra für den privaten Austausch freizügiger Bilder wurden Apps entwickelt. Snapchat, Kik oder einige andere sollen den sicheren, vertraulichen Tausch von Bildern ermöglichen.

Negative Folgen bleiben nicht aus. Doch welche Folgen sind das? Karriereschäden oder gar das Ende aufgrund von Sexting. Ist das möglich? Gibt es überhaupt Folgen für das Berufsleben? Genau um dieses Thema soll es in diesem Artikel gehen.

Verschiedene weltweite Studien belegen, dass bereits auch Jugendliche freizügige Fotos von sich schießen und versenden und sich somit am Sexting beteiligen.

LGBT-Jugendliche sexten häufiger als Heterosexuelle

Die Studie Snapschuss aus der Hose – Sextingverhalten von Jugendlichen in Deutschland aus dem Jahr 2017, bei der 2978 Jugendliche befragt wurden, zeigte, dass sich 61,4 % der Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren am Sexting beteiligen. Sogar 31,4 % senden mehrmals im Monat Text, Bilder und/oder Videos mit sexuellem Inhalt. Besonders hervorzuheben ist, dass sich die bi- und homosexuellen Jugendlichen signifikant häufiger am Sexting beteiligen als die gleichaltrigen Heterosexuellen. Um sexuelle Erfahrungen zu sammeln gaben 12 % der queeren Jugendlichen häufiger an als gleichaltrige heterosexuelle. Ebenfalls auffällig ist, dass Sexting zur Selbstbefriedigung (57,6 %) und zum Aufreißen von schnellem Sex (17,8 %) als Gründe von den bi- und homosexuellen Jugendlichen doppelt so häufig ausgewählt wurden, wie von den heterosexuellen. Somit ist besonders für unsere Community ein besonderer Blick auf die möglichen negativen Folgen wichtig. Im Zeitalter von Big Data und der Unmöglichkeit Daten, die einmal im  Netz waren, wieder umfassend gelöscht oder entfernt zu bekommen, können durch Veröffentlichung oder das ungewollte Weiterleiten des sexuellen Materials ungeahnte schwerwiegende Folgen für die Betroffenen entstehen.  Davon ist bereits jetzt schon ein großes Spektrum an Konsequenzen von Versenden von Sextingmaterial bekannt. Amanda Todd aus den USA nahm sich, auf Grund von Cybermobbing-Attacken nach der Veröffentlichung eines ihrer Nacktfotos, 2012 das Leben. Im Frühjahr 2016 wurde der Fußballer Max Kruse vom Nationaltrainer Jogi Löw aus dem Kader der National 11 geschmissen, nachdem unter anderem ein Video von ihm durch die Medien ging, auf dem er sich selbst befriedigte.

>Wie Du andere Job-Faux Pas vermeidest, erfährst du in unseren Karrieretipps<

47 % der Personaler*innen nutzen Internetrecherche, um mehr über die Bewerber*innen zu erfahren, fand eine Studie aus dem Jahr 2014 aus Österreich heraus, bei der 299 Personalverantwortliche befragt wurden. Dabei werden, um einen Einblick in die Persönlichkeit der Bewerber*innen zu erhalten, in 51 % der Fälle nach deren eigenen Postings gesucht, 36 % gaben an sich über Postings von dritten über die Person zu informieren und auch Fotos/Videos und freizügige Fotos/Videos werden in 33 % bzw. 20 % der Fällen von Personaler*innen recherchiert. Am Ende haben dann durchschnittlich 29 % der Recherchen Auswirkungen auf den Bewerbungsprozess.

Das eigene Material anonymisieren

Welche Möglichkeiten haben die Jugendlichen unserer Community also, sich am Sexting zu beteiligen und dennoch die eigene Berufswelt nicht zu tangieren und eventuelle Karrierechancen nicht zu verbauen?

Die Medienpsychologin Prof.’ Nicole Döring (2012) veröffentliche (nach ihrer Recherche in Onlineforen) „Safer Sexting Regeln“, die vor negativen Erfahrungen schützen sollen. Demnach sollte Sexting nur dann betrieben werden, wenn es wirklich gewollt wird. Außerdem sollten Daten wechselseitig getauscht und nur mit vertrauensvollen Personen gewechselt werden. Ihr wichtigster Ratschlag ist aber: die Anonymisierung des eigenen Materials! Besonders sollten die Aufnahmen ohne Gesicht und/oder andere identifizierbare Merkmale aufgenommen werden. Sollte es dennoch zur ungewollten Weiterleitung oder Veröffentlichung – wie im Fall von Max Kruse – kommen, sollte den Betroffenen bewusst sein, dass sich die Personen, die Material in Umlauf gebracht haben, strafbar gemacht haben. Das Recht am eigenen Bild ist auch bei Sexting wirksam. Ein offener Umgang, das Aufsuchen von Beratungsstellen, aber auch das rechtliche Vorgehen und können im Fall der Fälle helfen.

Je höher die Position, desto aufwändiger die Onlinesuche durch Personaler_innen

Schritte einzuleiten und die Sache nicht auszusitzen ist daher zum Empfehlen. In 25 % der Fälle in den Unternehmen der befragten Personalverantwortlichen kam es zu Problemen oder Kündigungen, die auf Grundlage vom Auftreten bzw. vom Verhalten der Mitarbeiter*innen im Internet abhängig waren. Wie hoch die Anzahl von Problemen, über die Stagnation des beruflichen Werdegangs bis hin zum Karriereende durch Kündigung wäre, wenn Sexting Material an den*die Chef*in geleitet oder im Unternehmen die Runde machen würde, wurde noch nicht erhoben. Allerdings stimmten in der österreichischen Studie 65 % der Personaler*innen der Frage, dass je höher die zu besetzende Position, desto mehr Aufwand wird in die Onlinerecherche investiert, zu.

Unser Autor Andreas Klein studiert im Master Intermedia mit Schwerpunkt Medienpsychologie und arbeitet nebenbei als Projektmanager im Bereich Gender & Diversity Management an der Universität zu Köln

Abschließend bleibt also zu sagen, dass ein Wissen um die Gefahren von unüberlegtem Sexting entstehen muss; für den Berufseinstieg für Jugendliche, aber auch den Karriereweg bei Erwachsenen.

Will doch niemand in den nächsten Jahren eine Neuauflage der Plagiatsaffären, bei denen die Zeitungen mit Schlagzeilen wie „Hallo Sexnachricht – Tschüss Karriere“ titeln. Denn Ereignisse der vergangenen Jahre haben uns gelehrt, dass unüberlegte Handlungen in früheren Jahren Karriereenden bedeuten können.

Literatur:

Döring, Nicola (2012). Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting. In: Zeitschrift für Sexualforschung, 25 (1), (S. 4-25).

Mitic, Katja (2012). Der stumme Hilferuf der Amanda Todd (†15). Verfügbar unter: https://www.welt.de/vermischtes/article110103789/Der-stumme-Hilferuf-der-Amanda-Todd-15.html (12.01.2018)

saferinternet.at (2014). Mein Ruf im Netz – Auswirkungen auf die berufliche Zukunft. Verfügbar unter: https://de.slideshare.net/OEIAT/prsentation-pk-saferinternetday2014 (12.01.2018)

Vogelsang, Verena (2016). Sexuelle Viktimisierung, Pornografie und Sexting im Jugendalter. Ausdifferenzierung einer sexualbezogenen Medienkompetenz. Wiesbaden: Springer VS.

Wallrodt, Lars (2016). Max Kruse steckt knöcheltief im Moralsumpf. Verfügbar unter: https://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/vfl-wolfsburg/article153578002/Max-Kruse-steckt-knoecheltief-im-Moralsumpf.html (12.01.2018)

Klein, Andreas (2017). Snapschuss aus der Hose – Sextingverhalten von Jugendlichen in Deutschland. Köln.

Fandest Du den Artikel interessant? Mehr zum Thema gibts am 2. Juni 2018 auf der STICKS & STONES Job- und Karrieremesse in Berlin, wo Andreas Klein seinen Vortrag über karrieregefährdendes Sexting hält. Hol Dir HIER Dein kostenloses Ticket!

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