“Wir dürfen keine Angst mehr vor dem Thema ‘Trans’ haben”

Peer J. ist 21 und kommt aus Düsseldorf. Dort macht er ein Design-Praktikum in einer Werbeagentur. Anlässlich der Transgender Awareness Week posten wir auf  der LGBT Job- und Karriereplattform STICKS & STONES sein Interview, ein Auszug aus dem Uni-Fotoprojekt “SPECTRUM” von L. Hermann, in dem es um Transmenschen und ihre Geschichte geht.

Welche Pronomen benutzt du?

Ich nutze „er“ und die anderen männlichen Pronomen.

Welche Labels beschreiben dich und oder nutzt du?

Transident, welches aber nur ein Teil von mir ist. Labels wie Illustrator, Veganer, Minimalist und Sportler umschreiben mich sehr gut.

Was ist deine sexuelle Orientierung?

Pansexuell, mir ist das Geschlecht egal.

Wie kamst du zum Thema Trans*/Nicht-binär/Genderqueer/Intergeschlechtlichkeit und welche Informationsquellen nutzt du heute?

Früher dachte ich, Trans*Menschen seien Geisteskranke. Ich hätte und habe aber niemals aktive, verbale oder physikalische Diskriminierung nach außen betrieben. Dann, plötzlich, sah ich vor einigen Jahren einen Artikel über einen Highschool Trans*Teenager und die dortig stattfindende Diskriminierung. Dies zu lesen, mehr Informationen rund um das Thema Gender Identity zu erhalten und die folgliche Empathie welche ich nun empfand, ließen mich umdenken.

Heute nutze ich das Internet, Gespräche mit Freunden und Trans*gruppentreffs, über welche wir auch per Whatsapp außerhalb unserer gemeinsamen Unternehmungen Kontakt halten, um in allen Belangen up to date zu bleiben.

Was ist deine positivste & welche deine negativste Erfahrung, die du im Bezug auf deine Gender Identity sowie dein Erscheinungsbild bisher erlebt hast?

– Als ich mir das erste mal meine Haare von sehr lang zu Stoppeln abrasierte und mit meinem Vater sowie 2 Brüdern im Auto saß, waren diese geschockt und sehr ablehnend. Es passte nicht in deren damaliges Gender Rollenbild. Die Äußerungen in dieser Situation trafen mich sehr und ließen Zweifel über ein mögliches, späteres Coming Out bei ihnen aufkommen.

– Misgendern durch Unwissenheit und Ungeübtheit im Umgang sowie der Anrede trans*identer Menschen Anderer können einen ebenfalls ziemlich runterziehen.

+ Richtiges Gendering bzw. Nutzung der richtigen Pronomen bauen einen dagegen umso mehr auf.

+ Meine Erfahrungen im Familien- und Freundeskreis waren bisher durchweg positiv, bis auf eine enge Freundin, welche ich in der Zeit kurz nach meinem Outing verlor. Diese nutzte permanent die falschen Pronomen. Jedoch gingen wir hauptsächlich aufgrund anderer Probleme auseinander.

– Meine Cousine, welche circa 11 Jahre alt ist brach in Tränen aus und wollte sich auch gar nicht mehr beruhigen, als sie davon erfuhr, dass ich nun Peer genannt werde und mich jetzt auch nach außen als männlich identifiziere. Sie dachte wohl, das würde meinen eigentlichen Charakter komplett verändern und dass ich nicht mehr mit ihr spiele, etc.

+ Da meine Mutter es ihr bei einer Familienfeier in meiner Heimatstadt erzählt hatte und ich nicht anwesend war, verschwand dieses Gefühl auch erst, als wir uns das nächste Mal persönlich sahen und sie merkte, dass ich natürlich immer noch der alte, ihr sehr nahestehende Mensch bin.

Was ist dein Wunsch für die Zukunft & Entwicklung dieser Themen?

Eine Normalisierung und Legitimisierung im Umgang mit trans* und nicht-binären Gender Identiäten. Keine Angst mehr vor dem Thema zu haben. Im Idealfall schon eine Aufklärung von klein an. LGBTQIA*-Thematiken fest im Bildungssystem verankern. Außerdem wünsche ich mir eine Veränderung der MDK* Vorschriften und so eine Erleichterung bei allen Verfahren rund ums Medizinische sowie Rechtliche. Allen sollen die selben Chancen und die selbe Behandlung in diesen Belangen gewährt werden.

Die größsten Vorurteile gegenüber Trans*/Nicht-binäre/Genderqueere/Intergeschlechtliche Menschen sind?

(1) Das es eine „Geschlechtsumoperierung“ anstatt dem korrekten Begriff GeschlechtsANGLEICHUNG ist. Diese Fehlformulierung impliziert nämlich, dass Gender Identität etwas rein anatomisches darstellt. Dem ist nicht so.

(2) Die Annahme, dass Trans*/NB/GQ/IS Identitäten nur ein „Trend“ der Neuzeit sind.

(3) Die Annahme, dass intergeschlechtliche Menschen eigentlich nicht existent sind.

Bist du schon out und wenn ja, wie lange?

Mein inneres Coming Out hatte ich vor einem Jahr. Das andere Outing war dann einige Wochen später, nachdem ich es nicht mehr aushielt, mich zu verstellen und immer wieder unter der Last zusammenbrach, mein wahres Ich verstecken zu müssen.

 

*MDK = Medizinischer Dienst der Krankenversicherung

Quellen

Interview und Fotos von L. Hermann, 2017, “SPECTRUM”, HSD, PBSA, KD

Vielen Dank, dass wir diesen Auszug benutzen dürfen!

"Ich hasste das Wort 'Schwul'" - Stuarts Coming Out Story

Ausstellung “Trans* in der Arbeitswelt” in Düsseldorf

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