Diversity in einer (etwas anderen) Behörde

Von Markus Tausch, Pressesprecher ZITiS

 

Vor ein paar Jahren wollte ein großer Online-Versandhändler eine Software entwickeln, die unter Bewerbenden automatisch die Besten findet. Ziel war, dass die Software den Auswahlprozess komplett automatisiert und nach „objektiven“ Kriterien die Auswahl trifft. Das Unternehmen begann deshalb 2014 mit der Entwicklung eines Algorithmus, der unter eingehenden Bewerbungen automatisch die herausfiltern sollte, deren Inhalte am „vielversprechendsten“ waren. Grundlage für die Software waren Erkenntnisse aus den Bewerbungen von angenommenen Bewerbern – und genau hier lag das Problem: Das Verfahren orientierte sich am bisherigen Datenpool, der ein sogenanntes „Bias“ hatte: Eine Vielzahl der Datensätze, die eine gute „Performance“ hatten, fielen in das klassische Muster der IT, das sich überspitzt auf „weiß“, „männlich“, „dreißig“, „Single“ herunterbrechen lässt. Die Folge eines solchen fehlerhaften Verfahrens liegen klar auf der Hand: Menschen, auf welche diese Filter nicht zutreffen, werden „automatisch“ aufgrund eines äußeren Merkmals schlechter gestellt. Zwar hat das Entwicklerteam in der Folge die Software angepasst, aber es konnte nicht garantiert werden, dass die Technik nicht trotzdem weiter diskriminieren würde.

Ein weiteres Beispiel sind Verfahren,  die in den USA eingesetzt werden sollten, um die Rückfallgefahr von Straftätern zu berechnen: Sie  benachteiligten systematisch Afroamerikaner.

ZITiS forscht und entwickelt in den Bereichen Digitale Forensik, Telekommunikations-überwachung, Krypto- und Big Data Analyse sowie in technischen Fragen der Kriminalitätsbekämpfung, Gefahren- und Spionageabwehr. Sollten sich solche Probleme ebenfalls in den Verfahren abzeichnen, wären die gesellschaftlichen Auswirkungen fatal. Aus diesem Grund wird in den Projekten neben den „technischen“ Ansätzen (zum Beispiel die statistische Verifikation der Datensätze oder eine Prüfung der automatisch erstellten Empfehlungen gegen den aktuellen wissenschaftlichen Stand aus der Technik und Ethik) der Fokus auf die Expertise gelegt. Entscheidend sind das fachliche Wissen und die Fähigkeiten der einzelnen Personen. Zudem versuchen wir die Rahmenbedingungen zu schaffen, so dass alle jederzeit „out of the box“ denken können. Das entspricht natürlich nicht dem klischeehaften Bild einer Behörde oder stereotypen Vorstellungen von Beamt*innen – wir haben hier aber einen entscheidenden Vorteil: ZITiS wurde als „etwas andere Bundesbehörde“ von Null an aufgebaut, mit modernen Strukturen und einem Dialog auf Augenhöhe.

Bei uns steht das „m/w/d“ nicht in den Stellenanzeigen, weil es das jetzt eben muss (und am Ende wird die Stelle doch „klassisch“ mit „männlich / weiß / deutsch“ besetzt), sondern es zählen andere Werte. 

Natürlich stehen auch wir noch vor Herausforderungen, noch klappt nicht alles im täglichen Arbeitsleben und so manches ist auch ungewohnt. Die Personalgewinnung erfolgt noch immer im „klassischen Bewerbungsverfahren“. Allerdings sind wir einen Schritt weiter in Richtung Diversität: So ist ein Passfoto und die Angabe eines Geschlechtes im Bewertungsverfahren weitestgehend optional. Daneben kommen die Vorteile des öffentlichen Dienstes dazu, die Bewerbungsverfahren werden von unserer Gleichstellungsbeauftragten, unserer Schwerbehindertenvertretung und dem Personalrat begleitet. Diese neutralen Gremien stellen die Gleichbehandlung sicher. 

Zudem müssen wir uns individuell selbst erziehen, gendergerecht anzusprechen. Das klassische und im Sprachgebrauch übliche „Damen und Herren“ oder „Kolleginnen und Kollegen“ ist nicht mehr zeitgemäß. Manchmal rutschen uns doch noch die falschen Pronomen oder Namen über die Lippen oder die Verwendung von (Neo)Pronomen ist ungewohnt. Wir beschäftigen uns mit Fragen des Umgangs mit den „althergebrachten Regelungen“, zum Beispiel sehen arbeitsrechtliche Vorschriften Sanitärräume für „Frauen“ und „Männer“ vor. Auch sind nach wie vor Dienst- oder Amtsbereiche stark an das binäre „Passgeschlecht“ gebunden, während bei der ZITiS trans* und nicht binäre Personen arbeiten. Alle Kolleg*innen ziehen hierbei gemeinsam mit unserer Gleichstellungsbeauftragten und der Personalabteilung an einem Strang um diese Herausforderungen zu lösen. Diese „Lobbyarbeit“ ist auch langfristig angelegt. Das Ziel ist neben einer schnellen Lösung für den im Tagesgeschäft akuten Bedarf auch eine dauerhafte Lösung zu finden, die vielleicht auch etwas tonangebend für den öffentlichen Dienst wird.

Der Erfolg gibt uns recht. Trotz der aktuellen Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt im enorm umkämpften Bereich der IT und am Standort München, wo die Konkurrenz groß ist, haben wir in drei Jahren knapp 200 Personen rekrutieren können.

Diese wirklich breite Aufstellung des Personals ermöglicht es, in den Projekten der ZITiS die verschiedenen Sichtweisen zu beachten und gemeinsam die eingangs erwähnten Probleme des Bias zu beseitigen. Die Diskussionen innerhalb des Projektes und mit den Kunden der ZITiS geben ihrerseits wiederum Impulse innerhalb der weiteren Behördenlandschaft, so dass sich die Gesellschaft in die richtige Richtung entwickelt. Dann haben künftige Algorithmen vielleicht auch die Basis, um wirklich völlig neutral und faire Einschätzungen treffen zu können.

Markus Tausch, Pressesprecher ZITiS

Über ZITiS

ZITiS ist Teil der Cyber-Sicherheitsstrategie für Deutschland und der zentrale Dienstleister für die Behörden des Bundes mit Sicherheitsaufgaben. 

Die Disziplinen und Projekte, in denen ZITiS arbeitet, umfassen die Themen Digitale Forensik, Telekommunikationsüberwachung, Kryptoanalyse, Big Data Analyse sowie technische Fragen der Kriminalitätsbekämpfung, Gefahren- und Spionageabwehr.

Die Aufgaben der ZITiS umfassen dabei Entwicklung und anwendungsbezogene Forschung von Lösungen, Werkzeugen und Strategien sowie Unterstützung und Beratung zu informationstechnischen Fähigkeiten.

Für die bestmögliche Erfüllung der eigenen Aufträge kooperiert ZITiS mit Partnern aus Forschung und Wissenschaft und bearbeitet Projekte der Grundlagenforschung in Zusammenarbeit mit Universitäten, Instituten und Unternehmen auf nationaler und internationaler Ebene. Damit steht ZITiS im Zentrum einer engen Zusammenarbeit zwischen Industrie, Behörden, Instituten und Universitäten.

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