Ladies, Gentlemen and Beyond – Der dritte Geschlechtseintrag kommt

Während einige noch mit der Gleichstellung von Mann und Frau ringen, stellt ein Urteil des Verfassungsgerichtshofes die Geschlechterordnung wie wir sie kennen auf den Kopf. Ab Ende 2018 müssen in Deutschland die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein drittes Geschlecht geschaffen werden. Was heißt das? Welche Konsequenzen hat das für unsere Arbeits- und Lebenswelten? Wie gehen wir damit um?

Von Muriel Aichberger

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Ab Dezember 2018 wird es einen dritten Geschlechtseintrag geben. Dieser könnte zum Beispiel “inter/divers” lauten, wie die Gruppe „dritte Option” vorschlägt, die die Klage durchgefochten hat. Das Ziel ist es, eine inklusive und wertfreie Formulierung zu finden, die möglichst viele Menschen einschließt und es ihnen erlaubt, frei und selbstbestimmt über ihr Geschlecht zu verfügen. Im Urteil heißt es dazu: “Dabei schützt Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG auch Menschen vor Diskriminierungen, die sich nicht dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen.” Das Urteil betrifft also nicht nur Inter-Personen, deren sichtbare Geschlechtsorgane bei der Geburt nicht eindeutig als männlich oder weiblich bestimmbar sind, sondern schließt – durch den Bezug auf ‘Identität’ – ganz dezidiert auch nicht-binäre Trans*-Personen ein, bei denen das Geschlecht von der bis dato üblichen Zweigeschlechtlichkeit abweicht. Die Regelungen zu medizinischen Eingriffen, auch Änderungen des Geschlechtseintrages und Formulierungen zu Elternschaft sollen angepasst und dadurch niemand mehr diskriminiert werden, so die Gruppe auf ihrer Homepage. Die Hoffnungen, die auf dieser Neuerung ruhen, sind also vielfältig, wie die genaue Ausgestaltung jedoch aussehen wird, wird sich erst im Laufe dieses Jahres zeigen. Dabei ist zu hoffen, dass diejenigen, die das Gesetz am meisten betrifft, maßgeblich an seiner Ausformulierung und Umsetzung beteiligt werden.

“Die gesetzliche Festschreibung eines dritten Geschlechts löst eine Flutwelle aus, die unsere Lebens- und Arbeitswelten verändern wird.”

Sowohl die Gruppe “Dritte Option”, wie auch zahlreiche Artikel und Interviews mit Expert*innen, messen dieser Gesetzesänderung erhebliche Bedeutung bei. Die gesetzliche Festschreibung eines dritten Geschlechts – ungeachtet der genauen juristischen Formulierung – löst eine Flutwelle aus, die unzählige Bereiche unserer Gesellschaft und damit unserer Lebens- und Arbeitswelten verändern wird. Alles was bis dato zweigeschlechtlich organisiert war, muss nun einer Überprüfung und Neubewertung unterzogen werden. Das betrifft zum Beispiel die Geschlechtertrennung bei öffentlichen Toiletten, Duschen und Umkleideräumen. Aber vor Allem betrifft es Kommuniktion und Sprache. Es werden neue Anreden jenseits von “Verehrte Damen und Herren” und der direkten Formen “Frau” oder “Herr” benutzt werden müssen. Auch Stellenanzeigen oder offizielle Dokumente, können in Zukunft nicht mehr nur auf m und f lauten. Dies wirkt sich sowohl auf Unternehmen, die sich in Sachen Diversity und Geschlechtergerechtigkeit nun weitgehend neu orientieren müssen, als auch auf die einzelnen Angestellten, deren Arbeitsalltag und -sprache sich transformieren werden aus. Wenn ab jetzt drei Geschlechter zu berücksichtigen sind, stehen wir vor vielen Entscheidungen. Wie heißen ab nun die, die nicht Mann oder Frau sind? Wie sprechen wir die Leute an? Wie sorgen wir für Akzeptanz? Wie transformieren wir zweigeschlechtliches Denken?

Unser Autor Muriel Aichberger berät und begleitet öffentliche Einrichtungen, Firmen, Vereine, LGBT*I-Gruppen und Einzelpersonen zu den Themen Equality, Diversity und Inclusion. Du findest ihn auch in unserer Coaching-Datenbank.

Erfreulicherweise beginnen wir hier nicht ganz bei null. Sowohl die Wissenschaft, als auch aktivistische Gruppen entwickeln seit langer Zeit Lösungsansätze, die als Richtilinien für Neuerungen dienen können. Speziell die Sprache wird von der Veränderung betroffen sein, was im Speziellen daran liegt, dass die gängigen Formen im Deutschen oft nicht geschlechtsneutral sind. Dank der Zusammenarbeit vieler gibt es allerdings Online-Wörterbücher, die bei diesem Probem helfen. (siehe Links) Sprechen wir also Personen ab jetzt öfter geschlechtsneutral und auf ihre Funktion bezogen an, zum Beispiel “Verehrte Gäste”, “Liebe Angestellte”, oder “Liebes Team”? Entscheiden wir uns bei Schriftstücken für eine der geschlechtssensiblen Formen mit Unterstrich oder Asterisk (*)? Wollen wir lieber Geschlechtervielfalt betonen, oder Geschlecht durch neutrale Formulierungen aus der Kommunikation herauslassen? Wie implementieren wir diese neuen Umgangsformen so, dass sich nicht das Gefühl von Bevormundung und Entmündigung breitmacht? Die Herausforderung wird also lauten: Wie überführen wir die gesetzliche Realität in den (Arbeits-)Alltag und nehmen möglichst alle Teile der Gesellschaft/Belegschaft mit?

“Es ist sinnvoll, sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die sich nicht ändern sollen: Respekt und gegenseitiges Vertrauen. ”

Die Bereiche Diversity und insbesondere Gender-Equality sind hart umkämpft und emotional besetzt. Bis jetzt galten sie oft als Luxusthemen, durch die Gesetzgebung entsteht hier nun aber ein unumgehbarer Handlungsbedarf. Dabei stießen schon bisherige Gleichstellungsbemühugen vielerorts auf massive Ablehnung und Widerstand, weshalb zu erwarten ist, dass diese Probleme sich eher noch verschärfen. Hier gilt es, die lauernden Tücken klug zu umschiffen und die Herausforderung als Chance zu begreifen. Um die Chance optimal zu nutzen muss ein umfassendes Verständnis für die Perspektiven aller Beteiligten entwickelt werden. Die Botschaft “Ab jetzt wird alles anders.” führt oft zum sofortigen Abblocken jeder Maßnahme, zu völliger Verweigerung und eventuell sogar zu Sabotage. Wollen wir eine Meuterei verhindern und eine möglichst große Bereitschaft zu Veränderungen sicherstellen, ist es sinnvoll, sich auf jene Dinge zu konzentrieren, die sich nicht ändern sollen: Respekt und gegenseitiges Vertrauen. Verständnisvolles und akzeptierendes Klima. Lösungsorientiertes und effizientes Arbeiten. Solche einenden Werte zum gemeinsamen Ziel einer (Unternehmens-)Kultur zu erklären und die Herausforderung als ein gemeinsames Projekt darzustellen, das zusammenschweißt statt auseinanderzureißen, kann ein wirkungsvoller Schritt sein um Widerständen zu begegnen. Neben der gemeinsamen Aufgabe, die ab jetzt ansteht, sind auch die einzelnen Kämpfe von Mitarbeiter*innen nicht zu unterschätzen. Eventuell werden Sensibilisierungsprogramme und Trainings nötig, um Leuten zu helfen die Änderungen im Mindset mitzumachen und zu verdauen. Trainer*innen, Coaches und verschiedene aktivistische Gruppen bieten hier Hilfe bei der anstehenden Transformation an.

Jede Veränderung fordert Mut, Einsatz und Geduld. Es wird sicher Zeit brauchen um die neu geschaffenen Tatsachen zu akzeptieren und umzusetzen. Daher lohnt es sich bereits jetzt Ideen zu entwickeln und Maßnahmen zu ergreifen um diese neue Welle zu surfen, anstatt von ihr überrollt zu werden. Es gibt viel zu tun, packen wirs an.

Links: 

Dritte Option – Für einen dritten Geschlechtseintrag: www.dritte-option.de

Beratungsangebot TransInterQueer e.V.: www.transinterqueer.org

Genderwörterbuch: www.geschickt-gendern.de

Entscheidung des BVG: 

https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/10/rs20171010_1bvr201916.html

Muriel Aichberger: www.murielaichberger.de

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